K O N Z E P T

„Lokal handeln“ ist ein wichtiger Baustein zur Restrukturierung und Transformation unserer heutigen Gesellschaft, die extensiv aufgebaut ist, hin zu einem vorausschauenden System, das auch für die Generationen nach uns angelegt ist. Zu diesem Zweck plant der Künstler Luca Kohlmetz eine einjährige Kunstperformance, eine sogenannte „One-Year-Performance“, deren Ziel es ist, eine ökologischere und essbare Stadt zu formen. Dies umfasst das Bepflanzen und Strukturieren von Balkonen und Gärten, das Anlegen von Gemeinschaftsgärten oder urbanes Säen von Salaten und Beeren auf leer stehenden Grünflächen.
Der Fokus liegt hierbei nicht auf dem wahllosen Säen der Pflanzen, sondern auf dem Einbinden der Bewohner der Stadt, um verständlich zu machen, wie die Pflanzen funktionieren und wie man sie als Gemeinschaft pflegen und nutzen kann. Um eine innerstädtische Transformation anzuregen, ist es keine Alternative, den Bewohner*innen etwas vorzusetzen, denn die erfolgreiche Umsetzung ist durch das Verständnis der Menschen für die Natur bedingt.
Die Performance versteht sich also nicht als Garten- und Landschaftsbauprojekt oder als reine Guerilla-Gardening-Aktion. Vielmehr soll verlorenes Wissen vermittelt werden, was wiederum weitergegeben werden soll.

2021 sollen so zahllose neue essbare Pflanzen in der Stadt Düsseldorf und Umkreis gepflanzt werden. Ein Teilprojekt ist die Neugestaltung des „Phloxgarten“ im Südpark. Hier wird ab März zu wöchentlichen offenen Treffen aufgerufen, an denen gemeinschaftlich gepflanzt, gepflegt und geerntet wird.
Jeder ausgesäte Samen, jede gepflanzte Jungpflanze und jeder neue Baum wird schriftlich erfasst. Koordinaten des Standortes, Sorte des Obsts oder Gemüses und das Datum werden notiert.

Common Gardening
Durch öffentlich zugängliches und kostenfreies Gemüse wird ein Fokus auf das Projekt Common Seeds gelenkt. Hierzu pflanzt der Künstler auf verschiedenen Flächen Düsseldorfs selbst essbare Pflanzen an. Hauptstandort wird der Südpark sein. Zusammen mit den Anwohner*innen entsteht so ein neuer Gemeinschaftsgarten, der an festen Terminen gemeinschaftlich gestaltet wird.

Außerdem unterstützt der Künstler mit seinen Beeten Bürgerinitiativen und Vereine, die aus eigenem Interesse bereits begonnen haben die Stadt zu begrünen oder sich für freies Saatgut einzusetzen, wie z.B. Pro Düsseldorf, Platzgrün, Ökotop Heerdt, Saatgut-Initiative Düsseldorf.

Die Kunst entsteht im Moment der Begegnung, wenn gemeinsam Saatgut gepflanzt wird. Den Bürger*innen wird somit auch der Gedanke der autarken Selbstversorgung näher gebracht. Im Sinne des Commoning  soll so nach Silvia Federici langfristig eine Versorgung entstehen, die sich weitestgehend frei von der Industrialisierung macht.

Gemeinsame Gestaltung
Damit die Gesellschaft der Stadt langfristig von Common Seeds profitiert, müssen die Bewohner*innen mit in das Projekt integriert werden.
Ein kollektives Verständnis für die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Transformation kann nur unter Einbeziehung der Menschen geschehen. Nur wenn mit den Frauen, Männern und Kindern der Stadt zusammen Ansätze erarbeitet werden und wenn gemeinsam über Selbstversorgung nachgedacht und kollektiv ein neues Verständnis von Ernährung und Arbeit geformt wird, gelingt eine angestrebte Veränderung.
Reformen und Ratschläge, die über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden werden, bewirken keine Transformation, sondern bestenfalls Gehorsam und schlimmstenfalls Verdrossenheit.

Langfristige Transformation
Das Ziel des gesamten Unterfangens ist eine langfristige Veränderung. Die Performance versteht sich also nicht als egozentrische Akt des Künstlers, der nach einer gewissen Zeit endet und die Gemeinschaft unverändert zurücklässt. Eigentlich ist es auch keine One-Year-Performance. Die Performance soll überhaupt nicht enden. Das eine Jahr – das erste Jahr – soll lediglich eine Initialzündung darstellen.
Die Weiterführung muss nicht den gleichen Regeln der ursprünglichen Performance folgen, sondern kann fluid und lebendig sein. Die Menschen, die im Laufe des Jahres Teil der Performance sein werden, können in ihrem Rahmen und nach ihren Interessen entscheiden, wie die gesellschaftliche Transformation weitergeführt wird.

Freies Saatgut
Saatgut wird in der gängigen Industriepraxis gezüchtet und manipuliert, sodass sich viele Pflanzen, die nicht ökologisch oder samenfest sind, nicht dazu eignen, vermehrt zu werden. Ganz konkret bedeutet dies: Wenn man eine solche Pflanze kauft oder zieht, kann man aus den Samen, die diese Pflanze zur natürlichen Vermehrung produziert, keine weiteren Pflanzen mit ebengleichen Qualitäten gewinnen. Man ist also auf den Neukauf angewiesen. Somit werden wir zwangsverpflichtet, jährlich neues Saatgut oder Gemüse zu kaufen – obwohl uns der Kreislauf der Nahrung und des Lebens von Natur aus frei zur Verfügung steht.
Saatgut ist Allgemeingut – und begründet maßgeblich das heutige Prestige unserer Spezies.

Die Gewinnung des eigenen Saatguts ist ein existenzieller Bestandteil der Autarkie des Menschen. Zeigt man den Bürgerinnen und Bürgern, wie man sein eigenes Saatgut gewinnt und daraus sein eigenes Gemüse zur eigenen Versorgung zieht, wird Ihnen vermittelt, wie der Grundstein für eine gewisse Autarkie gelegt wird. Diese Autarkie bezieht sich nicht auf die gesamte Gesellschaft. Die Menschen sollen sich natürlich nicht zu alleinstehenden Eigenbrötlern entwickeln. Stattdessen soll es eine gesellschaftliche Transformation sein. Gemeinsam in der Familie oder Nachbarschaft können Lebensmittel angebaut und verarbeitet werden. Die Autarkie bezieht sich auf die gesamte Gesellschaft, die weitgehend selbstversorgend und unabhängig sein kann. Autark von den Industrieprozessen und hoch verarbeiteten Lebensmitteln, autark von Produktpaletten, die der Gesundheit schaden und ausschließlich Gewinn für Wenige erbringen sollen – und autark von der Arbeit, die wir nicht gerne tun, sondern uns längst überholte Gedankenströme aufbürden.

Die Aktion Common Seeds versteht sich als eine soziale Plastik. Durch das Einbeziehen der Bürger*innen existiert die Arbeit nicht lediglich in der Gesellschaft, sondern entwickelt sich stattdessen in ihr, wodurch das Kunstwerk ein endloser, lebendiger und dynamischer Prozess wird.




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