Das Haus
Mantarai erwachte mit einem Lächeln, noch bevor er die Augen öffnete. Es war kein besonderer Tag. Vielmehr war es genau so ein Tag wie jeder andere Tag. Genau das war es, was ihn so glücklich stimmte.
Er stand auf, machte sein Bett und ließ seinen Blick durch das Zimmer streifen. Mantarai liebte sein Haus.
Er liebte das feine gebrochene Weiß seiner Tapeten.
Die Bücher, die er mal alphabetisch, mal nach Farbe geordnet hatte.
Die Kaffeetassen aus schwarzer glasierter Keramik, die allesamt etwas unterschiedlich geformt waren und wie Öl schimmerten.
Die Zimmerpflanzen mit ihren eigenen Gesichtern, die von den Regalen hingen wie Dschungellianen.
Das wasserblaue Rennrad mit den Reifen in der Farbe matter Eierschalen und den karamellbraunen Felgen, das an der Wand schwebte.
Es war nicht irgendein Haus.
Es war Mantarais Leben.
Feinsäuberlich kuratiert.
Als Mantarai sein Wohnzimmer betrat, hielt er plötzlich inne. Irgendetwas stimmte nicht. Seine Augen tasteten den Raum ab, doch alles hing in der gleichen Schwerelosigkeit wie immer.
Die Rillen der schwarzen, durchsichtigen und in Batik gefärbten Vinylplatten. Die verlebten Möbel aus Zirikote, Kirschbaum und Palisander – überzogen mit tiefgrünen Polstern. Der silberglänzende Verstärker mit seiner kobaltblau hinterleuchteten Nadelanzeige. Die schweren Kupferkabel, die in den arschgrauen Lautsprechern aus Mahagoniholz verschwanden. Die Linien der handgezeichneten Illustrationen, die über das grobporige Papier zuckten. Die versiegelten Holzdielen, in denen die Maserungen, Astlöcher und Risse der Jahrhunderte wohnten.
Mantarai zuckte mit den Schultern und setzte sich sein gewohntes Lächeln aufs Gesicht.
Er zog die Tür hinter sich zu und verließ sein Haus.
An diesem Abend kehrte Mantarai früher als gewohnt zurück. Er trug das Gefühl, das ihn am Morgen beschlichen hatte, den ganzen Tag mit sich herum und war nicht in der Lage, es abzuschütteln.
Vorsichtig streckte er seinen Kopf durch den Türspalt. Die Abendsonne färbte sein Wohnzimmer honiggelb wie einen Bienenstock. Alles war beim Alten.
Mantarai trat ein.
Die Paprikaschote glitt sanft durch seine Hände, doch das Hacken seines Messers war dumpf und unrhythmisch. Immer wieder warf er einen Blick über seine Schulter oder suchte die Ecken der Küche ab.
Das Bett war genau so weich wie immer. Seine Lider schoben sich schwer über seine Pupillen, in deren Tiefe noch immer eine unbestimmte Sorge blitzte.
Doch seine Augen öffneten sich rasch.
Mantarai hob den Kopf und schaute an sich hinab.
Ganz am Ende seines Bettes ragten die Spitzen seiner Zehen unter der Bettdecke hervor. Ein kalter Luftzug kitzelte unter seinen Füßen.
Er griff mit seinen Zehen die Decke und zog sie tiefer, doch da lag seine Brust frei und es fröstelte ihm.
Die ganze Nacht über drehte er sich von einer Seite auf die andere, vom Rücken auf den Bauch.
Als die Sonne aufgegangen war und er die Augen öffnete, war sein allmorgendliches Lächeln zum ersten Mal in seinem Leben verschwunden.
Er schleppte sich zu seiner Badezimmertür, doch wurde jäh gestoppt. Unter einem lauten Knall prallte er gegen den Türrahmen.
Er strich sich über die Stirn.
So etwas war ihm zuvor noch nie passiert.
Mantarai zwang sich zu einem Schulterzucken und betrat das Badezimmer.
Kaltes Wasser schlug in Wellen auf seinem Gesicht ein und rann in unzähligen Rinnsalen davon. Das Leben kehrte zurück in seinen müden Geist. Das altbekannte Lächeln haschte kurz über sein Gesicht. Dann streckte er sich in seiner ganzen Länge – doch stieß seine Hand schmerzhaft gegen die Decke.
Die Gewissheit sickerte in seine Augen.
Etwas stimmte nicht.
Mantarai stürmte ins Wohnzimmer. Die Wände zitterten. Ein Beben brauste durch das Haus. Die gestapelten Bücher pressten sich gegeneinander bis das oberste aus dem Stapel flog. Dann brach der ganze Turm zusammen und legte sich vor Mantarais Füße. Ein Klirren durchzog den Raum. Eine nach der anderen hüpften die Kaffeetassen aus dem Schrank, schlugen auf den Boden und sprangen als unzählige Splitter durch die Küche. Mantarai rannte herbei und versuchte sie zu fangen, doch prallte in den immer enger werdenden Räumen gegen sämtliche Möbel und riss alles mit sich, das er berührte.
Er neigte den Kopf, um noch gerade stehen zu können und presste sich gegen die Wände. Sein Atem raste. Das Haus drohte ihn zu verschlingen.
Er musste raus.
Mit einem Satz ließ er sich auf die Knie fallen. Die Fliesen brachen unter dem Gewicht und knackten, als er aus der Küche krabbelte. Er lugte nach oben und konnte sehen, wie die Decke sich über seinem Kopf senkte. Rahmen knallten auf den Boden und ihre Scherben tanzten zappelnd über die befreiten Zeichnungen. Dicke Risse durchliefen den großen schwarzen Spiegel.
Als Mantarai die Diele erreichte, kroch er auf dem Bauch wie eine Schlange. Mühelos drückte er die schwere Holztür, die nicht mehr war als eine Hundeklappe aus den Angeln und brach den Rahmen aus dem Gemäuer.
Rechts und links fasste er die ziegelroten Mauern des Hauses und versuchte sich hinauszuziehen. Sein Kopf erblickte das Sonnenlicht. Er holte tief Luft.
Die Beine steckten noch immer in dem winzigen Haus, das versuchte, ihn zu verschlucken. Er schälte es ab wie eine alte Haut, die zu eng geworden war.